Mehr als zwei Jahre später kann man feststellen, dass die aus diesem Red Hat-Streit hervorgegangenen Forks sich zwar teilweise verändert haben, aber noch immer existieren.
Jetzt gibt es einen neuen Streit, der vermutlich Manjaro zerlegen wird. Hier geht es wohl um einen seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen der Community und der Firma, welcher nun in einem
"Manjaro 2.0 Manifesto"
eskalierte. Samuel Rüegger rollt dies in seinem
umfangreichen Kommentar
aus und kommt bei der Beleuchtung der möglichen Entwicklungsszenarien zu keinem erfreulichen Fazit - während der stets diplomatische Ralf Hersel
dazu aufruft, sich erst mal runterzukühlen und abzuwarten
, bevor mit vorschnellen Entscheidungen noch mehr Porzellan zerschlagen wird.
Mit dem guten Kommentar von Klaren im Hinterkopf (siehe weiter oben) bestätigt dies meine Pro-Haltung zu demokratisch geführten Community-Distributionen wie Debian. Sicher, da fliegen die Fetzen und es liegt im Wesen der Demokratie, dass man mit so mancher gemeinsam getroffenen Entscheidung am Ende nicht glücklich ist (siehe dazu mein Reizthema
SystemD
). Jetzt ist aber gerade Debian so flexibel, dass man es an zahlreiche persönliche "Befindlichkeiten" anpassen kann. Oder man sucht sich einen Fork, wie ich das ja dann mit
Devuan
gemacht habe (und bisher keine Sekunde bereut habe). Und genau Devuan ist ein Beispiel dafür, dass es trotz der zahlreichen sicher richtigen von Samuel genannten kritischen Argumente, die gegen einen Fork sprechen, dennoch gelingen kann, einen zu gründen und am Leben zu erhalten:
Devuan existiert inzwischen seit über 15 Jahren
. Und dennoch führt der Debian-Fork wohl ein Schattendasein (siehe dazu auch die Anmerkungen von Samuel zu OpenOffice vs. LibreOffice - dennoch empfehle ich in dem Kontext ein
Interview bei RadioTux
, welches dieses Thema nochmal anders erscheinen lässt). Auch wenn ich hier immer wieder die real existierenden Schwierigkeiten mit SystemD vortrage, ist das Problem wohl immer noch nicht begriffen worden. Vor zwei Wochen hatte ich erläutert,
welch toxische Eigenschaften SystemD im Kontext des Wandels von X.org zu Wayland offenbart
. Und ich persönlich kenne nur einen weiteren Devuan-Anwender und vermute, dass er die Distribution einfach nur mag (was sehr schön ist), aber nicht wirklich den Grund und die Geschichte seiner Existenz begriffen hat. Aber eigentlich ist dies nicht der Punkt, auf den ich hinaus wollte.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass ein Fork nicht seine Basis abschneiden kann: Manjaro ("Arch Linux to the masses") gebührt hier der gleiche Verdienst wie Ubuntu ("Debian to the masses"). Aber ohne die Basisprojekte (Arch und Debian) gäbe es sie beide nicht. Dass ein Fork dennoch gelingen kann, dies zeigen neben den entstandenen Red Hat-Forks und Devuan auch die (zweifelsfrei in einem anderen Kontext
aus der Asche vom abgewickelten Mandrake Linux entstandenen
) Community-Distributionen
Open Mandriva
und
Mageia
. Ob hier allerdings der Fork vom Fork die Lösung darstellt, steht wohl auf einem anderen Blatt (wie Samuel gut erläutert hat). (Devuan ist übrigens nur bedingt als ein Debian-Fork anzusehen, weil der Großteil seiner Pakete immer noch in ungepatchter Form von den Debian-Servern kommt. Einzig und alleine die SystemD-abhängigen Pakete sind gepatched. Der Rest ist waschechtes Debian!) So sehr ich inzwischen beispielsweise Linux Mint als Live-Distribution schätze, so wenig bin ich motiviert, mir diese zu installieren - weil ich einfach zu viele historisch gewachsene Sonderwünsche habe, die aber nicht für jede/n Anwender/in gleich gelten müssen. Ich nehme da lieber eine "richtige" Distribution, wie ... nein, nicht Ubuntu ... Debian/Devuan und passe sie mir an (was in der Regel gut funktioniert).
Wie wichtig dezentral entwickelte Distributonen sind, dürfte in Zeiten einer Regierung Trump und dem Digital Independence Day klargeworden sein. Niemals mehr würde ich mir eine rein amerikanische (aber auch keine russische, chinesische, ...) Distribution installieren (und auch kein "CDU Linux") , sondern nur eine Distribution "aus dem Internet". Zu welchen Verwerfungen es führen kann, wenn politische Borniertheit das Ruder in der Hand hält,
das können wir gerade live in Brasilien erleben
, wo eine gut gemeinte Idee zu völlig falschen Rahmensetzungen führt, ohne das zugrundeliegende Problem überhaupt lösen zu können.
In wie weit man dem von Samuel angesprochenen Punkt der Paketverwaltung folgen mag, ist sicher eine persönliche Entscheidung. Mir ist zunächst ein "stabiles" Paketformat und Repository wichtig. Ob dies dann deb, rpm oder sonst wie heißt, ist eher nebensächlich. Dem von ihm favorisierten Gedanken zum grafischen Paketverwaltungsfrontend folge ich nicht - eher gegenteilig reduziere ich das immer mehr und installiere mir inzwischen gar keine grafische Paketverwaltung mehr. Denn wenn man die an einer bis maximal zwei Händen abzählbaren Konsolenbefehle einmal verinnerlicht hat, dann funktioniert die Sache absolut crashfrei. Was nützt der blinky-Appstore, wenn er schnarchlahm ist und einem schlimmstenfalls um die Ohren fliegt? Und ich bin nicht mehr bereit, mir massive Paketabhängigkeiten für so einen Quatsch auf die Platte zu holen (ist alles fehleranfälliger Code).
Wie sich die Sache rund um Manjaro weiter entwickelt, werden wir sehen. Zweifelsfrei wäre dessen Niedergang ein Verlust für die vielfältige Distributions-Landschaft. Ohne eine konkrete Empfehlung abgeben zu können (außer die, miteinander zu reden) kann ich da nur Good Luck wünschen. Bis dahin ist für Neueinsteigende von Manjaro wohl eher abzuraten. Und das originale Arch Linux wäre mir einfach zu kaputt.